Frankenberg - Stadt im Bombenhagel

März 1945: Luftangriffe der US Army Air Force auf Frankenberg - 600 Bomben auf die Bahnstrecke

 Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans 

 

Montag, 12.März 1945 begann mit starker Bewölkung und leichtem Bodennebel in den frühen Morgenstunden. Ideale Bedingungen für die Bauern im Frankenberger Land, in den ersten Stunden des Tages die Äcker für die Aussaat vorzubereiten.
Der Frühling hatte sich in diesem Jahr eher angekündigt, und so war man bedacht, möglichst schnell die Felder zu bestellen. Spätestens ab 10 Uhr konnte sich niemand mehr, erst recht nicht bei klarem Wetter, auf freiem Feld zeigen. Jagdbomber der 9. US Army Air Force griffen in dieser Zeit alles an, was sich bewegte. Feldarbeit war nur noch in Waldnähe möglich.

Neun Tote in Rennertehausen
Welche Auswirkungen der Aufenthalt im Freien haben konnte, hatte bereits ein massiver Jagdbomberangriff auf den Rennertehäuser Bahnhof am 6.Oktober 1944 gezeigt. Dabei mußten 9 Menschen ihr Leben lassen.
Außerdem verstärkte das Näherrücken der Front die Angriffstätigkeiten noch. An diesem Montag, 12.März 1945 waren auf den Feldern zwischen Frankenberg und Bottendorf doch einige Bauern bei der Feldarbeit. Von hier hatten sie gute Fernsicht und konnten etwaige Flugzeuge früh genug erkennen. Das Wetter hatte sich seit den Morgenstunden kaum geändert und man rechnete mit keinem Angriff.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, B-26
B-26 Marauder während des D-Day. Bomber dieses Typs griffen am 12. März 1945 den Frankenberger Bahnhof an.

 

Dillenburg und Frankenberg
In Asch (Belgien) und Laon (Frankreich), Stützpunkte der 391. und 409. Bombergruppe der 9.USAAF herrschte an diesem Morgen rege Einsatztätigkeit vor. An jedem Stützpunkt wurden vier Bomberstaffeln für einen Einsatzvorbereitet. Die Flugzeuge vom Typ A-26 Invader und B-26 Marauder wurden mit Sprengbomben vom Typ General Purpose (GP) beladen und aufgetankt. Dann gab man die jeweiligen Angriffsziele bekannt: Die Bahnhöfe Dillenburg und Frankenberg.

 

  Date  

  Location  

  PP  

  Target  

  Unit  

     

  Cloud  

  A/C  

  PFF  

  250GP  

  500GP  

  12.03.45  

  Frankenberg  

  G-736732  

  M/Y  

  391  BG  

  USAAF  

  10/10  

     

     

     

     

  12.03.45  

  Frankenberg  

  G-736732  

  M/Y  

  409  BG  

  USAAF  

  10/10  

     

     

     

     

  14.03.45  

  Cölbe  

  G-735527  

  RB  

  386  BG  

  USAAF  

     

     

     

     

     

  14.03.45  

  Cölbe  

  G-735527  

  RB  

  323  BG  

  USAAF  

     

     

     

     

     

  17.03.45  

  Frankenberg  

  G-736732  

  M/Y  

  323  BG  

  USAAF  

  10/10  

  37  

  1  

  0  

  258  

  17.03.45  

  Frankenberg  

  G-736732  

  M/Y  

  387  BG  

  USAAF  

  10/10  

  37  

  1  

  0  

  268  

  17.03.45  

  Dillenburg  

  G-395370  

  M/Y  

  394  BG  

  no  attack  

     

     

     

     

     

  17.03.45  

  Dillenburg  

  G-395370  

  M/Y  

  409  BG  

     

     

     

     

     

     

  17.03.45  

  Dillenburg  

  G-395370  

  M/Y  

  391  BG  

     

     

     

     

     

     

  17.03.45  

  Giessen  

  G-688213  

  M/Y  

  397  BG  

     

     

     

     

     

     

 

Jede Maschine wurde von zwei Motoren, Pratt - Whitney R-2800-43, angetrieben und führte eine Bombenlast von je 1600 kg mit an Bord. Zeitgleich griffen 270 viermotorige Bomber der VIII Luftflotte die Bahnhöfe von Siegen und Marburg an. Dillenburg und Frankenberg sollten am 12.März 1945 "ausgeschaltet" werden, damit ein geplanter Panzervorstoß durch die 1.US-Armee in diesem Bereich erfolgreich verlaufen konnte. Dafür mußten die Nachschublinien unterbrochen werden. Die Zeit drängte und die Alliierten mußten auch bei schlechten Witterungsbedingungen angreifen.

Ein weiterer Grund, die Bahnstrecke Dillenburg - Frankenberg lahmzulegen, war der, daß auf diesem Weg die sogenannten V-Waffen ins Ruhrgebiet verschoben werden sollten. Diese Bahnlinie war die einzige Möglichkeit, einen V-Waffen-Transport aus dem Harz (Lager Dora) über Kassel zu ermöglichen.
Von 175 am Morgen gestarteten Maschinen flogen allein 90 Bomber am Nachmittag den Bahnhof Frankenberg an. Vor Ort glaubte niemand an einen solchen Angriff, und schon garnicht bei derartig schlechtem Wetter. Da die Flugzeuge nicht nach Sicht fliegen konnten, wurden die Bomben im Bodenradarverfahren ausgeklinkt. Die ersten Bomben trafen den Bahnhofsbereich noch, doch wanderten die Einschläge immer mehr in Richtung Bottendorf ab.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, B-26
Eine B-26 beim abwurf ihrer tödlichen Last.

 

Abwurf aus 4000 Metern Höhe
Die Menschen auf den Feldern rund um Frankenberg hörten die Flugzeuge schon von weitem, doch rechnete niemand mit einem solchen Angriff auf Frankenberg. Die Bomber flogen aus Richtung Bottendorf/Burgwald ein, und erst das schrille Pfeifen der fallenden Munition ließ erkennen, daß Frankenberg das Ziel war. Um die größtmögliche Wirkung dieser Bomben vom Typ General Purpose zu erreichen, mußten diese aus mindestens 4000 Metern Höhe abgeworfen werden.
Manchmal kam es vor, daß diese Bomben im Fallen den Leitwerksflügel verloren. Die Folge war, daß die Bomben anfingen, sich zu überschlagen und somit nicht mehr mit der Spitze (Aufschlagzünder) auftrafen. Diese Versagerquote lag bei 7%. Die Bombardierung Frankenbergs an diesem Montag, 12.März 1945, forderte zahlreiche Menschenleben.

 

Firma Thonet getroffen
So wurde zum Beispiel die Firma Thonet schwer getroffen. Viele Arbeiter kamen hier zu Tode. Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht bekannt. Einen Tag nach dem geschilderten Luftangriff auf den Frankenberger Verladebahnhof flogen sogenannte Fotoaufklärer über das bombardierte Gebiet und machten Aufnahmen aus 8000 Metern Höhe.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, B-26
Luftbild von der Stadt Frankenberg (Bahnhofsregion) eines US - Fotoaufklärers, aufgenommen am 21.März 1945. Wir erkennen die Bahnstrecke aus Richtung Marburg, die in den Frankenberger Bahnhof einmündet. Ganz deutlich zu sehen sind die zahlreichen Bombentrichter rund um den Bahnhof und am Standort der Firma Thonet. Rechts ab schlängelt sich die Marburger Straße, nach links die Röddenauer Straße. Deutlich ist auch "Vahles Wäldchen" als dunkle Fläche zu sehen. Dann erst beginnt das eigentliche Stadtgebiet.

 

Zweiter Angriff auf Frankenberg
Die Bildauswertung ergab, daß ein zweiter Angriff notwendig war, um die Gleiskörper zu zerstören. Die Schienen waren nämlich innerhalb von 24 Stunden wieder instand gesetzt worden, so daß schon in der folgenden Nacht ein Zug, mit schweren Panzern beladen, den Bahnhofsbereich passieren und im Tunnel bei Wiesenfeld abgestellt werden konnte. Am Samstag, 17.März 1945, erfolgte dann der zweite Angriff mit ähnlicher Intensität wie der erste, wiederum von der 9.US Air Force durchgeführt. Die Verluste in der Bevölkerung waren aber zum Glück geringer.
Am 21.März flog erneut ein Fotoaufklärer vom Typ P-38 Lightning über das Edertal und machte die vorliegende Luftbildaufnahme des Frankenberger Bahnhofs.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, P-38
Fotoaufklärer P-38 Lightning.

 

Insgesamt wurden etwa 1000 Bomben bei beiden Einsätzen abgeworfen. Die Spur führte vom Bereich der Burgwaldkaserne bis an die Eder unterhalb des Krankenhauses.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, Bombe
Diese Schilder wurden überall aufgestellt.

 

Unvorstellbar, was hätte passieren können, wenn nur eine dieser Bomben auf die Muna (heute Burgwald) gefallen wäre. Denn dort hatte die Wehrmacht ein Waffenarsenal von großer Brisanz. Man lagerte dort Giftgasgranaten vom Typ "Gelbkreuz", "Grünkreuz" und "Weißkreuz". Diese Munition allein war schon hochgefährlich, wurde aber von den Tabunbomben (Typ Grünring II) noch weit übertroffen. Die Muna hatte 3400 dieser Tabunbomben mit je 90 Litern Nervengas pro Bombe eingelagert. Schon ein einziger Tropfen Tabun führt beim Menschen zum Tode. Das Ausmaß eines Bombentreffers auf der Muna wäre unvorstellbar gewesen. Eine Katastrophe mit verheerendem Ausmaß. 

 

Einmarsch der Amerikaner
Am 29.März 1945 besetzten Einheiten der III. US-Panzerdivision und der 104.US-Infanteriedivision Frankenberg. Viele sogenannte "Blindgänger" steckten im Bereich der Bombenabwurfzone noch im Boden. Dies sollte sich bis 1996  noch als Problem erweisen. Einige lagen an der Erdoberfläche oder dicht darunter. Diese waren durch einen kleinen Einschlagkrater gekennzeichnet.
Wie ein Zeitzeuge berichtete, drangen die Blindgänger in den Boden ein und beschrieben dann einen Bogen wieder zurück zur Erdoberfläche. Ihre Gefährlichkeit liegt darin, daß sie durch witterungsbedingte Einflüsse oder Erschütterung zur Detonation gebracht werden können. Dieses Gefahrenpotential mußte nach dem Krieg beseitigt werden.
Zu diesem Zweck kamen im Juni 1945 ehemalige Wehrmachtsangehörige aus Kassel, die sich gegen Entlohnung anboten, Blindgänger zu entschärfen. Das war nicht immer ungefährlich. Die Bezahlung, überwiegend in Naturalien, erfolgte durch den Besitzer des zu "säubernden" Grundstückes. Lag ein Blindgänger auf einer Grundstücksgrenze, kam es häufig zum Streit um die Entlohnung, und so blieben einige der Bomben liegen.
Erst im Februar 1996 suchte der Kampfmittelräumdienst im Bereich südlich der Burgwaldkaserne nach einem liegengebliebenen Blindgänger. Da aber kein Luftbild vorlag, blieb die Suche erfolglos.

 

Noch Bomben in der Erde?

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden bei Bauarbeiten immer wieder Blindgänger gefunden. So zum Beispiel beim Bau der Frankenberger Reitsport-Halle. Außerdem bei Bauarbeiten im Gebiet Johannisland (heutige Gegend um Berufsschule /Polizei / Johannisland) im September 1963.

 

Frankenberg, Luftkrieg, Waldeck-Frankenberg, Bombe
Bombensuche durch die Firma Lenz im Jahr 2002 in einem Frankenberger Baugebiet.


Abschließend möchten wir uns bei allen bedanken, die uns mit Informationen zum Thema weitergeholfen haben.

 

 

B-26 Marauder im Modell 

 

Die Bilder zeigen ein Top gebautes und gealtertes Modell einer B-26 Marauder im Maßstab 1/72. Gesehen auf einer Modellbau-Ausstellung, der "Modellbaufreunde Siegen", in Wilnsdorf.  

 

B-26 Marauder

 

B-26 Marauder

 

 

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