Als V2-Raketen im Burgwald starten sollten

 

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans   

 

Berichte von Augenzeugen erzählen von über 100 Fahrzeugen, die im März 1945 getarnt im Wald bei Ernsthausen gestanden hätten und dann zum Teilgesprengt worden seien. Wieder aufgetauchte Quellen belegen, dass sie recht haben: Nach über 50 Jahren hat auch die britische Regierung erbeutete Unterlagen aus dem 2. Weltkrieg freigegeben. Im Londoner Imperial War Museum liegt ein Dokument, welches diese Berichte stützt. Das Kriegstagebuch der Division "zV". Diese Abkürzung steht für "zur Vergeltung". Denn ihr Zweck bestand darin, "Vergeltungswaffen" abzufeuern. So hatte Propagandaminister Joseph Goebbels im Oktober 1944 eine Errungenschaft deutscher Ingenieure um Wernher von Braun getauft: die Rakete "V2" - eine der "Wunderwaffen", die angeblich doch noch das Kriegsglück wenden würden.

 

März 1945. Britische und amerikanische Truppen drängen über den Rhein und rücken auf den Brenner-Pass vor, die "Rote Armee" der Sowjetunion erreicht die Oder. Immer mehr Städte im Reich brennen nach Luftangriffen. Der Zweite Weltkrieg ist für die Deutschen längst verloren. Doch der für General Wilhelm Keitel, "größte Feldherr aller Zeiten", will in seinem Führungsbunker tief unter dem Garten der Berliner Reichskanzlei nichts davon wissen. Das deutsche Volk solle siegen oder untergehen, hat Adolf Hitler kaltschnäuzig als Parole ausgegeben. Die materiell und personell weit überlegenen Alliierten besiegelten den Untergang.
 

Ludendorf-Brücke bei Remagen
Blick auf die Ludendorf-Brücke bei Remagen, nach der einnahme durch US-Truppen im März 1945.

 

Alliierte rücken vor

Am 7. März haben die Amerikaner die Brücke bei Remagen erobert, sie bauten ihre rechtsrheinischen Stellungen aus. Am 25. März starten alliierte Panzerverbände ihren Angriff und dringen bis tief ins Reichsgebiet vor. Sie kommen meist rasch voran. Britische und amerikanische Flieger beherrschen den Luftraum. Den deutschen Einheiten geht der Nachschub aus.
Die Division "z.V." hat vorerst keinen Mangel an Raketen. KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter sorgen im berüchtigten Thüringer "Mittelbau Dora" unter Tage für immer neue V2, doch die häufige Bombardierung der Schienenwege und der schnelle alliierte Vormarschim Westen führten zu erheblichen logistischen Versorgungsengpässen. Vor allem an Raketentreibstoff. Am 12.Oktober 1944 hatte Hitler angeordnet, nur noch Terrorangriffe auf London und Antwerpen zu starten - auf die belgische Hafenstadt, über die die Alliierten einen beträchtlichen Teil ihres Nachschubs abwickeln wollten.
Im Januar 1945 wurde die Division umgruppiert. Die Zahl der Batterien wurde von drei auf sieben aufgestockt. Allein ein so genannter Schießzug besteht laut Isack aus rund 200 Mann. Hinzu kommen zwei Abteilungen Flugabwehr, eine Nachrichtenabteilung, eine Funk- und Horchabteilung und eine Kompanie Grenadiere zur Absicherung. Die Gruppe Süd der Division z.V. besteht im wesentlichen aus der Artillerieabteilung (mot.) 838 unter Führung des Majors Wolfgang Weber mit drei Batterien, die wiederum je drei Schießzüge haben. Dazu kommen noch Technik- und Versorgungseinheiten. Ein Schießzug hat ausreichend Personal (ca.200 Mann) und Fahrzeuge/Bodengeräte um V2-Raketen zu verschießen. Somit hat die Gruppe SÜD insgesamt neun Schießzüge. Zum Verständnis: Eine Artillerieabteilung entspricht einem Batallion. Im Januar 1945 wird die Artillerieabteilung (mot.) 836 aber umgegliedert (technische Batterie und Kompanie zum Raketen- und Treibstofftransport werden integriert) und umbenannt in Artillerieregiment (mot.) z.V. 901. Die unterstellten Batterien werden gleichzeitig in Abteilungen umbenannt und die Schießzüge heißen fortan Batterien. Eine Kompanie Baupioniere ist für das Planieren der Feuerstellungen zuständig. Kommandeur der eigentlich vom Heer aufgestellten Division ist der SS-Gruppenführer Hans Kammler, der nach dem Krieg verschwunden ist.
Ein erheblicher Aufwand ist erforderlich, um die Raketen zu starten. Sie werden meist per Zug transportiert. Am Bahnhof werden sie auf "Vidal - Wagen" umgeladen, die Langholztransportern ähneln. Auf diesen Anhängern werden die V2 zur planierten Feuerstellung in den technischen Bereich transportiert, dort durchgeprüft, anschließend auf Meilerwagen verladen und zur Abschussstelle gefahren.

 

V2 auf dem Weg zur Feuerstellung.
Ein LKW transportiert eine V2 zur Feuerstellung.

 

Mit dem Hydraulikarm von "Meiler-Wagen" werden sie auf dem Schießtisch senkrecht aufgerichtet. Tankwagen mit Sauerstoff und Methylalkohol füllen den Treibstoff ein, im eingegrabenen Feuerleitpanzer lösen Fachleute den Start aus.

 

Rückzug in den Burgwald

Im März bedrohen die vorrückenden Alliierten die Stellungen der Divisions - Gruppe Süd im Westerwald. Sie sieht sich nach Ersatz um. Der Burgwald mit seinen dichten Fichtenbeständen, zur Tarnung vor feindlichen Aufklärungsflugzeugen, scheint geeignet. Erkundungstrupps suchen dort bereits nach "Bereitstellungen". Am 16. März kommt laut Kriegstagebuch der Befehl, sich in den "Raum Marburg" zurückzuziehen. Vermutlich hat die Gruppe Süd an diesem Tag ihre letzte "V2" gestartet.
Am 17. März beginnt bei Hachenburg der Abbau der Tarnung der Stellungen, über Schiene und Straße soll der Verband verlegt werden. Drei Tage sind veranschlagt- wegen der vielen Fliegerangriffe unmöglich. Von sechs Bahntransporten waren fünf angegriffen und zum Teil zerstört worden.
Am 18. März ziehen die Truppen ab. Die zweite Abteilung bezieht einen Gefechtsstand in Sehlen, die dritte in Schönstadt. Weitere Männer kommen in Grüsen, Bracht und Rauschenberg unter. Um Gladenbach sind die restlichen Soldaten der Gruppe postiert. Der Regimentsstab nimmt kurzzeitig Quartier in Wallenfels bei Marburg. Erst am 22. und 23. März trifft der Großteil im Burgwald ein. Insgesamt stehen etwa 120 Fahrzeuge auf der Straße von Ernsthausen nach Roda und am "Herrenweg" getarnt im Wald. Das bestätigten Zeitzeugen.
Mit Sorge betrachten die Offiziere ihre Karten: in den Morgenstunden des 27. März hat die erste US Armee Herborn erreicht. Auch die dritte US Armee setzt zum Angriff an. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner im Burgwald stehen. Was tun?
Ein Einsatz der Raketen kommt schon zeitlich nicht mehr in Frage. Und bezüglich einer Verlegung der Verbände wird immer wieder umdisponiert - Treibstoff für alle Fahrzeuge fehlt. Die Gruppe Süd bereitet sich schließlich auf den infanteristischen Einsatz vor. Ein Teil der Spezialfahrzeuge wird bereits im Burgwald zerstört.
Am 28. März kommt der Befehl. Vom Bahnhof in Ernsthausen holen die Soldaten Artillerie-Granaten und sprengen die nicht mehr benötigten Fahrzeuge im Wald. Aufgrund der Vielzahl von Splittern deutscher Artilleriegranaten liegt die Vermutung nahe, dass die Sprengkommandos sich der umherliegenden Granaten des explodierten Munitionszuges bedienten, um die Sprengkraft zu erhöhen. Sie müssen gewaltige Explosionen erzeugt haben. Unter anderem gehen zwei Meiler-Wagen bei Ernsthausen hoch, zwei weitere bei dem "Herrenweg". Mit den verbleibenden Transportfahrzeugen ziehen die Soldaten in Richtung Korbach und Warburg ab. Später haben sie offenbar an der "Operation Blücher" bei Celle teilgenommen.

 

US- Panzer rücken vor

Am 28. März erreicht die 3. Panzerdivision "Spearhead" der dritten US Army Marburg. Ehrgeiziges Ziel für den 29.März: in einem Tagesmarsch bis Paderborn vorstoßen. Das Oberkommando der Wehrmacht hält in seinem Kriegstagebuch fest: "Der Feind stößt über Marburg nach Norden vor und erreicht um 10.25 Uhr Hattenberg" - gemeint ist entweder Battenberg oder Hallenberg. US - Unterlagen bezeugen: Um 09.00 Uhr rollt das "Combat Command R" von Allendorf kommend in Bromskirchen ein, am späten Nachmittag rückt es über Willingen nach Brilon vor. Um 11.52 Uhr meldet die Aufklärungsabteilung der Einheit am Bromskirchener Bahnhof einen Güterzug mit "acht Flugzeugen unbekannten Typs" sichergestellt zu haben.


V2 auf dem Bahnhof von Bromskirchen
US-Truppen erbeuten auf dem Bahnhof von Bromskirchen einen Zug mit vollständigen V2 Raketen. Anfangs war den Amerikanern noch nicht klar was ihnen da in die Hände fiel.

 

V2 auf dem Bahnhof von Bromskirchen
US-Soldaten begutachten ihre Beute.

 

Bromskirchen schreibt Kriegsgeschichte: Am Bahnhof des Dorfes erbeuten die Amerikaner der dritten Armee am 29. März 1945 einen Güterzug mit den ersten vollständigen V2- Raketen.
(Quelle: Heimatbuch Bromskirchen)

 

Auch auf die Fahrzeugreste im Burgwald stoßen die Amerikaner. Sie untersuchten und fotografierten sie. Sie hatten mit der V2 keine Erfahrung und kannten die Strukturen der Einheit nicht. So merkten sie auch erst spät, was sie in Bromskirchen erbeutet hatten: keine Flugzeuge, sondern die ersten vollständigen "V2" - samt Bedienungsanleitung. Sogar der Oberkommandierende Dwight D. Eisenhower schaute sich den Fund mit Reportern der US  "Wochenschau" an.
Nach ihrem Abzug überlassen die Amerikaner die mehr oder weniger zerstörten Fahrzeuge im Burgwald den Einheimischen. Was noch brauchbar war, bauten sie aus. So hat der Bottendorfer Hans Heinrich Thiele aus Fahrzeugteilen einen Güllewagen gebaut, einen noch heilen VW-Motor verkaufte er später der Frankenberger Polizei. Den Rest verwerteten Schrotthändler.

Dennoch sind auch heute noch Teile zu finden, die durch die Explosionen weit in den Wald geschleudert worden sind. Bei Grabungen fanden sich neben Rahmen- und Strukturteilen, Teile des VW-Motors für die Hydraulik des Meilerwagens,

einen Elektromotor, verbogene Leitungen und Reste der Artillerie-Granaten mit denen die Fahrzeuge und Stellungen gesprengt wurden.

 

Aggregatteil eines VW-Motors
Aggregatteil eines VW-Motors, der das Hydraulikaggregat eines Meiler-Wagens antrieb.

 

VW Motor
Oberhalb der blanken Welle ist noch das "VW" Logo zu erkennen

 

Hintergrundinformation zur Rakete V2
Schon als Kind hat Wernher von Braun die Geschichte Jules Vernes von der "Reise zum Mond" fasziniert. In Peenemünde, an der Ostsee, kam er seinem Traum ein Stück näher. Die deutsche Heeresversuchsanstalt entwickelte unter seiner Leitung die "Wunderwaffen" V1 und V2. Das V steht für "Vergeltungswaffe", eine Wortschöpfung des Propagandaministers Joseph Goebbels. Doch die Nazis wollten mit der Rakete nicht zum Mond, sondern ferne Städte zerstören -"ausradieren" nannte es Hitler. Die "V2" sollte als Vergeltung für die Zerstörung deutscher Städte Tod und Vernichtung zum Feind tragen.
Die Forscher nannten ihre Raketen schlicht "Aggregat". Die 1942 erstmal erfolgreich getestete "V2" war bei ihnen die A4. Sie ist die erste voll funktionsfähige Großrakete. Sie war 14 m hoch, 13,5 Tonnen schwer und erreichte bis zu 5500 Stundenkilometer. Angetrieben wurde sie mit Methylalkohol und Sauerstoff. Im Krieg abgeschossen wurden etwa 3200 Raketen, etwa 8000 Menschen kamen durch sie ums Leben, meist Zivilisten.
Zum Ende des Krieges begann der Wettlauf der Alliierten um die deutsche Spitzentechnologie. Spezialisten, Raketenteile und Baupläne wurden eilig abtransportiert. Am erfolgreichsten dabei waren Amerikaner und Sowjets. Wernher von Braun begann in den USA eine neue Karriere - und verwirklichte seinen Traum: Am Abend das 20. Juli 1969 brachte "Apollo 11" die ersten Menschen auf den Mond.


V2 auf mobiler Startrampe
Startvorbereitungen an einer mobilen Abschußrampe der V2 Rakete. Beachte rechts das gepanzerte Feuerleitfahrzeug.

 

Raketenversuchsanstalt Peenemünde
Luftbild der Raketenversuchsanstalt Peenemünde an der Ostsee.

 

 

 

 

V-2 Rakete im Modell 

 

 

 Bilder zu Modellen der V2 folgen. 

  

 

 

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