Pilot bezahlte Mut mit dem Leben 

Absturtz einer britischen Halifax am 3.10.1944 bei Sehlen

 Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans 

 

In den ersten Oktobertagen des Kriegsjahres 1943 lag die Stadt Kassel im Fadenkreuz der Royal Air Force. 501 viermotorige Bomber mit 1544 Tonnen Munition an Bord hatten die Briten aufgeboten, um Kassel dem Erdboden gleichzumachen. Das war das gesamte Waffenarsenal des Bomberkommandos. Somit waren die Maschinen mit Thermit-Stabbrandbomben mit und ohne Zerleger, Phosphor-Kautschuk-Kanistern, Sprengbomben, zum Teil mit Zeitzündern und Luftminen, von den Engländern auch als "Cookies" (Kekse) bezeichnet, beladen.
All diese von der britischen Luftwaffe eingesetzten Waffen waren meist sogar deutsche Erfindung.
Der Bomber vom Typ Halifax MK. V, von dessen Absturz wir hier berichten wollen, war mit Rolls-Royce-Merlin Motoren ausgestattet und gehörte zur 6. Bombergroup (BG), 428. Squadron


Halifax Bomber mit Rolls-Royce Reihenmotoren
Flugaufnahme eines britischen Halifax-Bombers mit Rolls-Royce-Merlin Reihenmotoren.

 

Ihr gehörten in erster Linie kanadische Besatzungsmitglieder an. Sie flogen in jeder Nacht vom Ruhrgebiet aus durch das sogenannte Kölner Loch in etwa 6000 m Höhe ein. An dieser Stelle hatte die Wehrmacht nur sehr wenige Flakgeschütze postiert, und somit mußte die Verteidigung durch Nachtjäger erfolgen.
Einer von ihnen war Oberleutnant Martin Drewes, der an jenem Abend des 3.Oktober 1943 mit seiner Messerschmitt BF-110 von Hannover kam. Er flog einen Bogen um Kassel, wo schon die ersten Leuchtmarkierungen durch Pfadfindermaschinen gesetzt waren. Drewes wurde nun durch die deutschen Bodenradarstellen an den Bomberstrom herangeführt.

 

Messerschmitt Me-110G4 Nachtjäger
Seitenriss eines Nachtjägers vom Typ Messerschmitt Bf-110G4.

 

Daraufhin wurde er in einen Luftkampf mit vier Bombern verwickelt, die sich im Anflug auf Kassel befanden. Nachdem er einige Treffer erzielt hatte, wurde seine Maschine von Heckschützen des gegnerischen Bombers getroffen. Daraufhin mußte Drewes in der Nähe von Dillenburg notlanden.
Der gleichfalls getroffene gegnerische Bomber, gesteuert vom Piloten Thorp McArthur, flog noch einige Zeit geradeaus, jedoch mit brennendem Motor. Er wußte, daß er sein Flugzeug nicht mehr lange halten konnte.

Notlandung am Waldrand
Einige Sehlener Einwohner sahen den brennenden Bomber von Hüttenrode her kommen. Die Bombenladung hatte der Bombenschütze bereits in Kassel ausgeklinkt. Über Sehlen dann, verlor die Halifax immer mehr an Höhe. Pilot Officer (Leutnant) McArthur flog noch eine Kurve über dem Wald in westlicher Richtung von Sehlen und setzte zur Notlandung auf einem freien Feld oberhalb von Sehlen an, da der Bomber nun in der Luft zuzerbrechen drohte.
 

Notgelandeter Halifax Bomber
Der notgelandete britische Bomber vom Typ Halifax Mk.V.


Tödlicher Absprung
Der in Panik geratene Navigator Flight Officer (Oberleutnant) Thomas John Elliot sprang, in einem Versuch sich zu retten, aus der Seitenluke. Sein Fallschirm öffnete sich jedoch bei der geringen Höhe nicht mehr, und so schlug er etwa einen Kilometer von der eigentlichen Absturzstelle im Wald auf. Er wurde am nächsten Tag gefunden. Es ist anzunehmen, daß er trotz lebensgefährlicher Verletzungen noch einige Zeit gelebt hat, da der Boden um seinen Körper herum aufgewühlt war. Pilot McArthur versuchte nun, in ihm unbekannter Gegend und bei Nacht, eine waghalsige Notlandung. Dies war für ihn der einzige Versuch, sich und seine Besatzungsmitglieder zu retten.Der Versuch gelang. Er brachte die Maschine auf den Boden. Er selbst kam dabei ums Leben, aber die übrigen fünf Besatzungsmitglieder, deren Namen leider nicht bekannt sind, kamen unverletzt aus dem Flugzeug heraus.

 

Messerschmitt Me-110G4 Nachtjäger
Eine Messerschmit Me110G4 auf einem britischen Flugfeld. Die Maschine war von britischen Truppen erbeutet worden und wurde in England mit brit. Hoheitszeichen versehen und getestet.


Kanadier auf Gartenbank
Nach dieser Bruchlandung machten sich zwei Mann auf die Suche nach einer Ortschaft. Dies war sehr schwierig, da für ganz Deutschland Verdunkelung angeordnet war. Somit hatten sie keine Orientierungshilfe. Christine Theiß aus Sehlen (93, älteste Einwohnerin) erinnert sich noch genau, an dem Morgen nach jener Nacht, ettliche Uniformteile vor ihrem Haus gefunden zu haben. Das kam ihr nicht geheuer vor. Als sie sich nach allen Seiten umsah, entdeckte sie einen kanadischen Flieger schlafend auf einer Gartenbank. Da dies in der Bunstruth zur damaligen Zeit nichts Alltägliches war, rief Frau Theiß einige Nachbarn hinzu, und man versuchte, den Flieger zu wecken. Er mußte sehr erschöpft gewesen sein, da es einige Zeit dauerte, bis er seine Augen öffnete. Der Soldat versuchte, sich mit Gebärden verständlich zu machen. Er hatte offenbar Hunger, und Christine Theiß gab ihm daraufhin Brot und Wurst, was der Flieger dankbar annahm. Er zeigte ihr auch das Bild seiner Braut.
Ein hinzugekommener NS-Parteifunktionär in Uniform maßregelte Frau Theiß für ihr "hilfreiches Verhalten dem Feinde gegenüber" und drohte ihr sogar mit einem Gerichtsverfahren. Damals in den Kriegsjahren war es offiziell verboten, abgeschossenen alliierten Fliegern zu helfen, das heißt, sie zu verpflegen oder mit ihnen zu reden. Der Ehemann von Frau Theiß befand sich zu dem Zeitpunkt an der Ostfront (Stalingrad), und sie war der Meinung, daß ihm dort jederzeit das gleiche hätte passieren können. Deshalb empfand sie es als ihre christliche Pflicht, diesem kanadischen Flieger zu helfen. Beim Eintreffen der ersten Sehlener Bürger an der Absturzstelle fanden sie die übrige Besatzung am Bomber stehend vor. Für die fünf Kanadier führte der Weg danach ins Vernehmungslager Oberursel / Taunus, wo zunächst alle Alliierten vernommen wurden. Danach kamen sie in ein Kriegsgefangenenlager der deutschen Luftwaffe. Die beiden beim Absturz ums Leben gekommenen Kanadier wurden auf dem Friedhof von Haina bestattet. Im Jahr 1946 wurden die beiden Kanadier exhumiert und nach Hannover überführt. Sie ruhen in Gräbern des dortigen Soldatenfriedhofs.
WenigeTage nach dem Absturz bei Sehlen kam ein deutscher Bergetrupp an die Absturzstelle und begann die überreste der Maschine zu zerlegen. Die Einzelteile wurden nach Gemünden an den Bahnhof gebracht und von dort aus per Bahn abtransportiert. Vier Wochen haben diese "Abräumarbeiten" gedauert. Viele Kleinteile warfen die Männer des Bergungsteams jedoch in eine nahegelegene Hecke, so auch ein Alublech mit aufgenieteten Typenschildern des Bombers.

 

 

Handley Page Halifax im Modell 

 

Hier werden Sie zukünftig ein paar Bilder von Modellen des Halifax-Bombers sehen.

 

 

 

 

 

 

 

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