22.04.1944

Die Luftschlacht über Korbach

Debakel für Hermann Görings Luftwaffe

Von Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans


Korbach:

Am 22. April 1944 tobte die Luftschlacht über Korbach. Zahlreiche deutsche Maschinen gingen zu Boden, sechs Piloten starben. „Kampf bis zum Endsieg“ - Diese Parole hatten die Nationalsozialisten zum Ende des Zweiten Weltkriegs ausgegeben. Doch schon ein nüchterner Blick auf die Kräfteverhältnisse zeigt, dass die die deutsche Wehrmacht diesen Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Und die materielle und personelle Überlegenheit der Alliierten wuchs beständig. So nimmt es nicht Wunder, dass der Sieger der „Luftschlacht über Korbach“ schnell feststand: Sie brachte Hermann Görings Luftwaffe eine schwere Schlappe. Die „Arbeitsgemeinschaft-Luftkrieg Ederbergland“ hat erforscht was sich vor 75 Jahren im Landkreis zugetragen hat.  
Im fünften Kriegsjahr hatte sich die Bevölkerung in Waldeck und im Frankenberger Land an die Einflüge feindlicher Flugzeuge gewöhnt. Schon im Jahre 1940 hatten zweimotorige Bomber vom Typ Handley Page Hampden, Withleys und Vickers Wellington der britischen Royal Airforce vereinzelt Bomben über den Kreisen abgeworfen.  Ein solcher Treffer zerstörte in der Vollmondnacht auf den 23. Juli 1940 die neuromanische Kirche in Vasbeck. Auch bei Frankenberg und Schreufa waren Bomben gefallen, jedoch ohne größeren Schaden anzurichten. Als Ziel hatten die Bomber in dieser Nacht die alte Bischofsstadt Paderborn im Visier.  Mit dem Fortschreiten des Krieges verstärkten sich die Einflüge der Alliierten in das Deutsche Reich zusehends. Seit 1941 wurde das britische Bomber-Command mit viermotorigen Maschinen augerüstet, die mehr als die doppelte Menge an Bomben tragen konnten. Kamen die englischen Flugzeuge bei Nacht, setzten die Amerikaner ab 1943 ihre B-17 und B-24 Bomber am Tag ein.


  • B-17G Flying Fortress
  • B-24 Liberator


Neue Kriegsdimensionen  
In der Nacht auf den 17. Mai 1943 war englischen Fliegern die Zerstörung der Möhne- und Edertalsperren gelungen, was bei der Royal Airforce für einen gewaltigen psychologischen Auftrieb sorgte. Speziell umgebaute Lancaster Bomber der 617th Squadron unter dem Wingcommander Guy Penrose Gibson im Tiefflug über Holland kommend bis zu den Talsperren vorgedrungen und hatten sie zerbombt.  Vielen wurde erst da bewusst, das der Krieg eine neue dimension erreicht hatte. Bisher herrschte nur die Angst vor zufällig abgeworfenen Bomben. Dies änderte sich mit dem Angriff auf die Talsperren, denn nun wussten alle um die Gefahr, welche langsam heraufzog.  Regelmäßig flogen ab 1943 auch am Tage Aufklärungsflugzeuge über die beiden Landkreise und machten ihre Fotos von der Region. Von diesen hochfliegenden Maschinen ging zwar kaum Gefahr aus, aber wer wusste schon, was die Bilder in England für Planungen auslösten?  Am 27. Mai 1943 flogen zwanzig zweimotorige Mosquitos einen Scheinangriff auf die Diemeltalsperre, dabei kollidierten zwei Maschinen in der Luft. Der Auftrag der Besatzungen lautete eigentlich: „Zerstörung der Optischen Zeiss-Werke in Jena“. Der kleine Abstecher war nur mit eingeplant, weil die Talsperre auf dem Weg lag.  Langsam weitete auch die 8. Luftflotte der Amerikaner ihre Angriffe auf das Reichsgebiet aus. Bei ihren viermotorigen Flugzeugen handelte es sich um die B-24 Liberator ( Befreier ) und die B-17 Flying Fortress ( Fliegende Festung ). Diese waren mit einer starken Defensivbewaffnung ausgerüstet, wobei jede Maschine bis zu 13 überschwere Maschinengewehre vom Kaliber .50 an Bord hatte.  Was aber mangelte war ein Jagdbegleitschutz, der den Amerikanern erst ab Januar 1944 ausreichend zur Verfügung stand. Seitdem konnten die wendigen und schnellen Jäger vom Typ P-51 Mustang die Bomber zu jedem Ziel im Reich eskortieren. Die Mustang war in der Lage, bei sparsamen Flug und montierten Zusatztanks, bis zu acht Stunden lang zu fliegen. Im Vergleich dazu konnte die Messerschmitt Bf-109 nur zwei Stunden in der Luft bleiben, dann musste sie landen um aufzutanken.  An jenem 22. April 1944 zeigte sich die Überlegenheit der amerikanischen Jäger gegenüber der deutschen Luftwaffe auf bittere Weise.  Zwei Tage lang hatten die Einsätze der 8. US-Luftflotte im Reichsgebiet wegen der schlechten Wetterlage eine Minimum erreicht. Für den Samstag 22. April, hatte sich der Generalstab der Luftflotte etwas neues ausgedacht: Flogen die Amerikaner meist schon morgens nach Deutschland, so wollten sie an diesem Tag erst um 14 Uhr starten. Es brauchte gut eine halbe Stunde, bis alle Maschinen in der Luft waren und sich die Einsatzverbände am Himmel gesammelt hatten.  
 

  • Messerschmitt Me-109G6
  • Emblem des Jagdgeschwader 1
  • Focke Wulf Fw-190

Deutsche Jäger binden

Zum Einsatz kamen alle drei Bomber-Divisionen mit zusammen 803 viermotorigen Maschinen. Als Schutz standen 859 Begleitjäger. Bis zu den weitreichenden Zielen konnten aber nur 242 Mustangs folgen. Angriffsziele waren, Bonn-Hangelar, Soest, Koblenz und als Hauptziel der Verschiebebahnhof in Hamm.  Zehn Bomber hatten den Auftrag bis Kassel zu fliegen, um die deutschen Jäger zu binden. Diesem kleinen Verband war der größte Teil der Mustangs zugeteilt. Unter denen befand sich an diesem Tag auch die 4th Fighter Group.  Die deutschen Funkmessgeräte hatten die Feindarmada schon frühzeitig erfasst, was die Luftwaffenführung dazu veranlasste, etwa 160 Jagdflugzeuge aufsteigen zu lassen. In Störmede bei Paderborn stiegen um 17:45 Uhr drei Gruppen des Jagdgeschwaders 1 auf.  Nur 15 Minuten später stießen die deutschen Jäger bereits auf die vorausfliegenden US-Jäger. Deren Auftrag war es, schon in Platznähe der Fliegerhorste die aufsteigenden deutschen Maschinen abzufangen. Sowohl die Jäger, als auch die Fühlungshalter. Fühlungshalter waren in der Regel zweimotorige Jagdflugzeuge, die über Funk den Weg der feindlichen Bomber an die Jägerleitzentrale meldeten.  Die dritte Gruppe des Jagdgeschwaders hatte den ersten Kontakt mit den Feindjägern. 120 amerikanische Mustangs fielen über etwa 30 deutsche Jäger her. Für einige deutsche Piloten waren dies die ersten Kampfhandlungen mit feindlichen Flugzeugen. Überall waren bald Maschinen mit schwarzen Balkenkreuzen zu sehen, die brennend zu Boden stürzten. Einige Piloten gelang der Absprung mit dem Fallschirm, doch nicht alle hatten so viel Glück.  Den Leutnant Joachim Göhre fanden Jugendliche im Steinbruch der Korbacher Firma Fisseler tot unter seinem Fallschirm liegend. Er konnte zwar, laut Augenzeugenberichten, aus seiner Maschine noch aussteigen, wurde aber dann von einem amerikanischen Piloten am Fallschirm erschoßen. Seine Mutter ließ den Leichnam zwei Tage später nach Eberswalde überführen.  Ebenso erging es dem Hauptmann Hortari Schmude. Er wurde später nach Bad Schmiedeberg überführt.  Den Oberfeldwebel Franz Wilhelm Heck jagten vier Mustangs durch das Tal der Itter. Dabei erhielt seine Maschine mehrere Treffer, er setzte sie oberhalb Thalitters auf einem Acker auf. Ein Geschoss hatte auch ihn tödlich getroffen. Er wurde von der Bevölkerung tot in seiner Maschine sitzend vorgefunden.  Der Unteroffizier Kurt Ziegenfuß schlug im Tiefflug mit seiner Messerschmitt 109 im Westen von Immighausen auf einem Acker auf, dabei wurde seine Maschine total zerstört. Auch ihn fanden Anwohner tot auf dem Acker liegend.  Der Gefreite Willi Klückmann schlug mit seiner Maschine südlich Flechtdorfs neben einem Bauernhof ein. Seine Mutter reiste aus Arnsberg im Sauerland an, sie konnte ihn nur noch an Resten seines Pullovers identifizieren.  Der Obergefreite Johann Peichel hatte zwei Tage zuvor eine Mustang im Luftkampf bei Eisenach abgeschossen. Aber an diesem Tag stand auch er einer Übermacht gegenüber, gegen die er keine Chance hatte. Er versuchte noch eine Notlandung zwischen Lehnhausen und Gemünden, blieb aber dabei im Anflug in einer Fichtenschonung hängen und verbrannte in seinem Flugzeug. Seine sterblichen Überreste wurden von seiner Mutter nach München überführt.



  • Messerschmitt Me-109
  • Messerschmitt-Bf-109G6
  • Focke Wulf Fw-190
  • Fw-190A8

Leichenfund beim Bau  
Leutnant Kurt Ibing stürzte bei Meineringhausen ab. Er wurde erst in den 1950er Jahren geborgen, als die Hochspannungstrasse gebaut wurde. An der Absturzstelle sollte ein Mast gestellt werden, dabei entdeckten die Arbeiter die sterblichen Überreste des Piloten. Wahrscheinlich hat es 1944 nur eine Scheinbestattung gegeben, dabei wurde der Sarg mit Steinen und Erde verfüllt, damit das Gewicht stimmte.  Die anderen Piloten hatten mehr Glück, sie kamen mit dem Leben davon. Lutz Wilhelm Burkhardt konnte noch eine Mustang abschießen, bevor auch seine Maschine getroffen wurde. Kaum war sie nach der Bauchlandung zum stillstand gekommen, wurde er mit seinem am Boden liegenden Flugzeug erneut von Mustangs angegriffen. Dabei wurde seine Maschine in Brand geschossen.  Burkhardt konnte sich vorher noch schnell in einer Ackerfurche in Sicherheit bringen. Was für ihn aber nicht so einfach war - er trug eine Beinprothese aus Holz. Die Mustang war übrigens sein 63er Abschuss.  Der abgeschossene Mustang Pilot Robert Nelson konnte mit dem Fallschirm abspringen, seine Maschine mit dem Namen „Buffalo Grass“ wurde beim Aufschlag zerstört. Er hatte sich bis nach Wilnsdorf bei Siegen durchgeschlagen, wo er gefangen genommen wurde.  
Während der Kampfhandlungen geriet eine kleine Gruppe mit zweisitzigen Schulflugzeugen vom Typ Messerschmitt Me-109G12 mitten in dieses Gefecht. Die Fluglehrer leiteten sofort Notlandungen ein, so das keinem der Flugschüler und Lehrer etwas passierte. Geführt wurde diese Gruppe von Major Kaufmann. Die Gruppe war auf dem Weg von Fritzlar nach Störmede und musste so einen unvorbereiteten Halt einlegen.  
Weitere abgeschossene Flugzeuge schlugen bei Fritzlar, Hatzfeld, Goddelsheim, Dehringhausen und Strothe auf. Das gesamte Debakel für die Luftwaffe hatte nicht einmal zehn Minuten gedauert.  
Für die Bomberbesatzungen der 8. US-Luftflotte hatte aber dieser Tag noch eine böses Nachspiel, denn sie trafen erst in der Dunkelheit in England auf ihren Heimatbasen ein. Unbemerkt vom Jagdschutz hatten sich deutsche Messerschmitt Me-410 unter die Bomberpulks gemischt, über den Heimatbasen der Amerikaner schossen sie noch zwölf schwere Bomber ab. Die Amerikaner kamen danach nie wieder in der Dunkelheit zurück.  
An diesem Tag verlor die US-Luftwaffe bei dem Angriff auf Hamm 28 Maschinen und 249 Mann. Bei der Luftwaffe waren es 27 Flugzeuge und 25 Flieger.


  • Messerschmitt Me-109 Cutaway
  • Focke Wulf Fw-190 Cutaway

Die folgende Tabelle enthält ausschließlich deutsche Piloten, welche am 22.04.1944 am Luftkampf über Korbach beteiligt waren und gefallen sind.

   

Rang

Name

Absturzort/
Datum

Geschwader/
Staffel

Grund

Obergefreiter

FRICKE, Konrad

22.04.1944 bei Fritzlar

9./JG 1

Luftkampf

Leutnant

GÖHRE, Joachim

22.04.1944 bei Korbach

8./JG 1

Luftkampf

Unteroffizier

ZIEGENFUSS, Kurt

22.04.1944 bei Korbach

9./JG 1

Luftkampf

Hauptmann

SCHMUDE, Hortari

22.04.1944 bei Korbach / Immighausen

7./JG 1

Luftkampf

Oberfeldwebel

HECK, Franz-Wilhelm

22.04.1944 bei Korbach / Thalitter

9./JG 1

Luftkampf

Gefreiter

KLÜCKMANN, Willi

22.04.1944 bei Korbach / Flechtdorf

8./JG 1

Luftkampf

Obergefreiter

PEICHEL, Johann

22.04.1944 bei Gemünden/Whora

?./JG 1 ???

Luftkampf

Leutnant

IBING, Kurt

22.04.1944 bei Korbach-Meineringhausen

?./JG 1 ???

Luftkampf

unbekannt

BURKHARDT,

Lutz-Wilhelm

22.04.1944 bei Korbach

?./JG 1 ???

Luftkampf




 

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