Aus Laufrollen von Panzern werden Räder für Wagen

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans 

 

"Schwerter zu Pflugscharen" heisst es in der Bibel. Viele besannen sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf diese Aufforderung: Mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 lag nicht nur das Deutsche Reich am Boden, sondern auch die auf den Krieg ausgerichtete Produktion kam vorerst zum Stillstand. Das führte auch im Kreis zu Engpässen bei der Materialversorgung, etwa in der Landwirtschaft. So bauten die Waldeck-Frankenberger aus Panzern und anderem Militärgerät Ersatzteile für den täglichen Gebrauch. Die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg - Ederbergland hat einige ausfindig gemacht. Auch heute, befinden sich noch immer Gegenstände in Gebrauch, die einmal für kriegerische Zwecke hergestellt worden waren. Wagen mit Panzerlaufrollen als Räder sind im ganzen Kreisgebiet noch auf den Feldern zu finden, besonders an Wassertankwagen erfüllen sie immer noch ihren Zweck. Die Wehrmacht hatte bei ihrem hektischen Rückzug 1945 überall im Reich Militärgerät zurückgelassen. Fahrzeuge waren wegen Treibstoffmangels liegen geblieben, andere von Tieffliegern oder alliierten Bodentruppen zerschossen worden, manche Spezialfahrzeuge wie die der "V2" -Einheiten im Burgwald hatten die Deutschen gesprengt. Ein Panzer war ein Sprit fressendes, schweres Fahrzeug, mit dem Zivilisten nichts anfangen konnten. Also wurden die Kolosse nach der Freigabe der Bestände durch die amerikanischen Kontrollbehörden zerlegt. Alles, was irgendwie verwendbar war, wurde ins tägliche Leben eingefügt.


Laufrolle eines Sd.Kfz.251
Laufrad eines in Dodenau gelandeten "Sd.Kfz. 251" der Wehrmacht.

 

Panzerkette als Fundament

So tauchte 1981 beim Abriss eines Lagerschuppens in Dodenau im Fundament eine größere Anzahl von Panzerketten auf. Weil Zement knapp war, hatten die Erbauer das stabile Metall als Ersatzarmierung mit einbetoniert. Mit dem Beton war es auf die Bauschuttdeponie gewandert, wo sich dann nur noch Schrotthändler dafür interessiert haben. Sie hatten angesichts der geringen Beton-Anteile wenig Mühe, die Ketten zu bergen.  Besonders eine grössere Menge an Ketten für das von 1940 - 1945 für die Wehrmacht gebaute NSU- Kettenrad war verwendet worden, wahrscheinlich, weil sie vom Gewicht her leicht zu handhaben war. Vereinzelte Glieder waren auch darunter, so dass ein kleines Stück erhalten geblieben ist. Hinter dem Dodenauer Bahnhof hatten amerikanische Pioniereinheiten nach ihrem Einmarsch Ende März 1945 einen Sammelplatz für Fahrzeuge der geschlagenen Wehrmacht eingerichtet. Wochenlang zogen sie mit Bergepanzern die Wehrmachtsfahrzeuge aus dem oberen Edertal dort zusammen. Leider ist von deutscher Seite kein Foto erhalten geblieben, die Amerikaner dürften aber schon Bilder gemacht haben, denn kaum ein "GI" ging ohne Kamera in den Krieg.

Die noch fahrtüchtigen Lastwagen wurden später mit der Bahn nach Frankenberg gebracht, wo sie an interessierte Unternehmer verkauft wurden. Diese Militärkraftwagen waren in der Regel die Erstausstattung der Speditionen und Bauunternehmen. Von den Panzern wurde alles verwendbare abgebaut - überwiegend waren es so genannte Halbkettenfahrzeuge, die vorn normale Räder und hinten ein Kettenfahrgestell, wie ein klassischer Panzer, hatten. Diese Kombination machte sie leicht lenkbar und geländegängig.

 

Dodenauer Bahnhof
Der Dodenauer Bahnhof in den 50er Jahren. Nach Kriegsende hatten die ameri- kanischen Besatzungstruppen hinter dem Gelände Fahrzeuge der deutschen Wehrmacht zusammengezogen. Einige wurden später an die Deutschen verkauft oder zum Ausschlachten freigegeben.


Panzerräder für Wagen

In der Landwirtschaft fanden besonders die Laufrollen schnell Verwendung - also die Metallräder, über die die Panzerketten rollten. Sie haben zum Beispiel einem Dodenauer Landwirt viele Jahre treue Dienste geleistet. Drei dieser Laufrollen sind der Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg-Ederbergland freundlicherweise überlassen worden, die einmal eine Maybach - Zugmaschine vom Typ "Sonderkraftfahrzeug 251" angetrieben haben. Dieser leicht gepanzerte Truppentransporter hatte ebenfalls vorn zwei normale Räder und hinten Ketten.

 

Mit solchen Winden wie auf dem Anhänger wurden zum Ende des Zweiten Weltkriegs Sperrballons an der Mauer des Edersees in die Luft gelassen, um Tiefflieger abzuwehren. Das etwa 80 kg schwere Gerät hat noch etwa 200m Seil.

 

Die nicht verwendungsfähigen Fahrzeugreste haben Anfang der 50er Jahre über die Bahn den Weg in die Schmelzöfen gefunden. Heute ist nur noch zu erahnen, wie der Lagerplatz hinter dem Bahnhof einmal ausgesehen hat. Auch die Bahnschienen sind seit einigen Jahren abgebaut. Als letztes Zeugnis einer vergangenen Epoche liegt noch ein Stück Schiene neben dem Bahnübergang.

Das Kriegsgerät lag im ganzen Kreisgebiet am Wegesrand verstreut . aber auch bei Kriegsende abgestürzte Flugzeuge lagen auf den Äckern, wo sie für die Landwirte nur eine Behinderung darstellten - so wie eine Lancaster bei Netze. Aus einer bei Wellen notgelandeten "fliegenden Festung" hat sich ein Amateurfunker aus Mandern die Funkanlage ausgebaut, die ihm über 30 Jahre treue Dienste geleistet hat. Ein Foto des Funkgeräts ist erhalten geblieben und wurde der Arbeitsgemeinschaft zur Verfügung gestellt. Auf dem Dach des Hauses befand sich die Funkantenne, angetrieben von einem Elektromotor, der einmal zur Verstellung der Propellerblätter eines Flugzeugmotors gedient hat. Eine Ballonwinde vom Edersee hat 60 Jahre auf seinem Bauernhof überdauert. Das Besondere ist, dass er bis vor wenigen Jahren immer noch damit gearbeitet hat. Meist sei sie zum Herausziehen eines Förderbandes aus dem Keller benutzt worden. Vermutlich ist diese Winde die einzige noch existierende ihres Typs.


Rückblick

In der Nacht auf den 17.Mai 1943 hatten britische Lancaster-Bomber der 617. Squadron unter Wing-Commander Guy Penrose Gibson die Talsperren der Eder und Möhne angegriffen und mit ihren Rollbomben von vier Tonnen Gewicht zerstört. Für manches hatten die Deutschen Vorsorge getroffen - nicht aber für über das Wasser springende Bomben, die an der Sperrmauer in die Tiefe sanken, um über einen Hydrozünder in 20 Metern Tiefe eine Explosion zu erzeugen. Im Wasser befanden sich Torpedonetze, weil die Wehrnacht mit einem solchen Angriff rechnete. Aber die leichten Flakgeschütze an der Sperrmauer waren wenige Tage vor dem 17. Mai abgezogen worden - sie wurden an der Ostfront gebraucht.
Nach der Zerstörung der Sperrmauern war die erste Antwort der Deutschen das Aufziehen von Sperrballons, um einen weiteren Angriff von Tieffliegern zu unterbinden. Waren doch die Bomber in einer Höhe von 18 Metern angeflogen, um ihr Zerstörungswerk zu vollenden. Also musste dort als Erstes Gegenwehr ergriffen werden.

 
Solche Sperrballons mit 200 Kubikmeter Gasvolumen waren zum Ende des Zweiten Weltkrieges auch am Edersee im Einsatz, um weitere Tiefflieger-Angriffe auf die Sperrmauer abzuwehren.

 

 

Die stattliche Anzahl von Sperrballons wechselte täglich ihre Höhe, aber auch die Flakgeschütze hatten wieder ihre Position eingenommen. Einen direkten Angriff hat es aber nicht mehr gegeben, lediglich die 370. Fighter Group der Briten warf mit ihren P-38 Lightnings einige 250 kg schwere Bomben im Wald an der Sperrmauer ab, ohne großen Schaden anzurichten. Die Royal Air Force beschränkte sich nach der Zerstörung auf den Einsatz von Fotoaufklärern, die in regelmäßigen Abständen die Talsperren überflogen und fotografierten.

 

In den See geworfen

Da für die Gerätschaften am Edersee nach dem krieg keine Verwendung mehr bestand, wurde alles demontiert, wobei die Flakgeschütze von den Bodeneinheiten schon unbrauchbar gemacht worden waren. Viele Waffen und Geräte wurden nach der Kapitulation einfach über die Brüstung der Mauerkrone in den See geworfen. Fast die ganze Munition wurde auf diese Weise beseitigt, was bei Niedrigwasser für den Kampfmittelbeseitigungsdienst immer wieder Arbeit bedeutet. Torpedonetze fanden in der Nachkriegszeit als Ersatzzäune den Weg in die Gärten der umliegenden Dörfer. Noch heute sollen einige Überreste zu finden sein

Es werden wohl noch Jahre vergehen, bis die letzten "zweckentfremdeten" Kriegsgeräte verschwunden sind. Deutsche Wertarbeit eben.




 

 

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