Die Arbeit des U.S.- Signalcorps im Burgwald

 

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans   

 

In diesem Bericht möchten wir einmal über die Funktion und Arbeitsweise des Signalcorps der US-Steitkräfte während des Krieges und danach berichten.
Den Ursprung hatte diese Einheit als Fahnenträger der einzelnen Heeresverbände. Anfang des 19.Jahrhunderts kam die Übermittlung von wichtigen Nachrichten durch Spiegel oder Signalfahnen hinzu. In den Vereinigten Staaten wurde um 1850 ein Netz von Telegraphiestationen errichtet. Diese arbeiteten nach dem Morsealphabet, das bei der Spiegeltelegraphie schon seinen Ursprung hatte.
Der größte Teil des Netzes war in privater Hand, wobei das Militär über sehr viele mobile Telegraphenstationen verfügte.
Anfang des 20.Jahrunderts wurde auch im militärischen Bereich der Sprechfunk eingeführt. Bis dahin war all dieses Aufgabe des Signalcorps.
Eine weitere Variante kam während des ersten Weltkrieges hinzu, und zwar die Dokumentation im Bild. Hatte die militärische Führung bisher die Bilddokumentation den zivilen Reportern überlassen, so setzte sie nun eigenes geschultes Personal ein. Besonders für die Wochenschauberichte benötigte man diese Fotos und Filmaufnahmen. Im zweiten Weltkrieg nahm die Propaganda durch das Medium Film einen ganz neuen Stellenwert ein. So erkannten alle kriegführenden Parteien, welche Waffe die Foto- und Filmberichte darstellten.
Mit dem Einmarsch der Amerikaner in den Kreis Frankenberg bezogen auch Männer des Signalcorps Stellung in unserem heimatlichen Raum. Besonders die Stätte der Giftgas-Muna im Burgwald war ein sehr oft im Bild festgehaltenes Motiv. Alles was dort vorgefunden wurde, mußte photographiert und in schriftlicher Form festgehalten werden. Hier waren Einheiten der 104. US-Infanteriedivision auf das erste deutsche Nervengas gestoßen. Die deutsche Führung hatte zwar noch die Operation "Zunft" gestartet, die den Transport der Giftgas-Munition tiefer ins Reichsgebiet vorsah, aber durch den schnellen Vorstoß der Alliierten aus dem Remagener Brückenkopf konnte dieses Vorhaben nur begrenzt verwirklicht werden.


Ludendprfbrücke bei Remagen
US Streitkräfte überqueren die Ludendorf-Brücke bei Remagen.


Bei der Besetzung fanden die US-Einheiten ein dreifach überbelegtes Munitionsdepot vor. Hier wurde die US-Armee zum ersten Mal mit dem hochgiftigen Nervengas "Tabun" konfrontiert.
Da in den Reihen der alliierten Spezialisten niemand mit dem Kampfstoff umgehen konnte, zog man die wenigen deutschen Spezialisten hinzu. Ein Feuerwerker, der mit diesen Dingen vertraut war, hatte zum damaligen Zeitpunkt einen weit höheren Stellenwert als ein deutscher General. Es handelte sich hier um totales Neuland von dem die sich US-Chemiker erst Kenntnisse aneignen mußten. Das Signalcorps war nun gefordert, all dies in Wort und Bild dokumentarisch festzuhalten.
Wieder waren es die Feuerwerker in ihren schwarzen Uniformen, die hier im Vordergrund standen. 

 

Muna Burgwald
Das Foto zeigt den Oberfeuerwerker Willi Vohland aus Ellershausen vor einem Bunker beim Zusammenstellen von Giftgas-Bomben Herr Vohland arbeitete bis 1947 auf der Muna und wechselte dann nach Marburg, um bei der US-Militärpolizei einen neuen Aufgabenbereich zu übernehmen. In den fünfziger Jahren wurde er VDK - Sekretär im Kreis Frankenberg. Herr Vohland verunglückte tödlich im Jahre 1969 mit dem Auto in Bad Wildungen.


Kloster Frankenberg
Die komplette Besatzung der Muna Burgwald wurde nach der Kapitulation im Hof des Landratsamtes Frankenberg zusammengezogen, um von dort in andere Kriegsgefangenenlager überführt zu werden.


Noch 1981 lagen im Bereich der damaligen Firma Stahlbau Becker Gleise in der Straße, die aber im Zuge von Umbauarbeiten herausgerissen wurden. Den Gleisanschluß im Bereich des Birkenbringhäuser Bahnhofs hat die Deutsche Bundesbahn schon in den fünfziger Jahren abgebaut.


Muna Burgwald
So wurden die Bomben vom LKW auf Eisenbahnwaggons verladen. Das geschah im Westteil der Muna auf dem Anschlußgleis, von dem heute kaum noch was zu sehen ist.


Info zu Tabun:

bezüglich der Tabun-Produktin in der Muna, Burgwald


Der erste Einsatz von Kampfgas geschah 1915 bei Ypern durch deutsche Truppen (Senfgas).

Kampfgase:
Gelbkreuz = Senfgas, verursacht tiefe Hautzerstörungen
Grünkreuz = Phosgen, zerfrißt die Lungen
beides gilt mittlerweile als für militärische Zwecke überholt Senfgas wird bei den Militärs in Ost und West immer noch gelagert, und was man mit dem Stoff anrichten kann, haben die Iraker 1983 mit seinem Einsatz gegen iranische Truppen eindrucksvoll in Erinnerung gerufen, und man vergesse auch nicht den Sarin-Anschlag einer Sekte in der Tokyoer U-Bahn vor wenigen Jahren. 
So widerwärtig und für die Betroffenen qualvoll die Wirkung der chemischen Killer des Ersten Weltkriegs unbestreitbar gewesen ist, sie wird von dem, was der Einsatz eines Nervengases bewirken würde, bei weitem in den Schatten gestellt.

Übergang von lokal wirkenden Reizstoffen zu Nervengasen
Die definitive Tödlichkeit von Tabun, Soman, Sarin oder VX jedoch läßt alle vorangegangenen Möglichkeiten des Gaskrieges als harmlos erscheinen.
Alle vier genannten Substanzen gehören zur Klasse der Nervengase. Sie sind in der Reihenfolge ihrer Entdeckung aufgeführt, die gleichbedeutend ist mit ihrer zunehmenden Toxizität (Giftigkeit).

Über Tabun verfügte schon Hitler. Es wurde 1936 von deutschen Chemikern mehr oder wenig zufällig bei Experimenten mit Insektenvernichtungsmitteln entdeckt, und wie die Nachfolgesubstanzen, bis 1945 in der Größenordnung von mehreren tausend Tonnen produziert und gelagert, - auch in der Muna, Burgwald.
In der Geschichte des Gaskrieges haben die Deutschen eine ähnlich herausragende Rolle gespielt wie die Amerikaner später bei der Entwicklung der nuklearen Waffen.
Eingesetzt wurde im Zweiten Weltkrieg bekanntlich keiner dieser Stoffe. Angesichts der erdrückenden Luftüberlegenheit der Alliierten, deren Vorräte nicht weniger ansehnlich waren, wagte Hitler nicht, ihren Einsatz zu befehlen.
Tabun war, auf die Dosis bezogen, hundertmal giftiger als alle bis dahin bekannten Kampfgase. Ein halbes Gramm Tabun auf einen Kubikmeter Atemluft verteilt, genügt, um einen Erwachsenen umzubringen. Eingenommen, etwa mit verseuchter Nahrung, reicht ein Dreißigstel dieser Dosis.
Tabun aber machte erst den Anfang. Soman, die erste Weiterentwicklung, erwies sich als viermal wirksamer. Und Sarin, noch im letzten Kriegsjahr produziert, verdoppelte die Giftwirkung abermals. Schließlich steigerten die Amerikaner den militärisch gewünschten Effekt nach dem letzten Kriege noch einmal um den Faktor 10. Von den 1952 von ihren Rüstungschemikern synthetisierten VX reicht ein Dreitausendstel Gramm, um einen Menschen zu töten.

Toxizität:

Name

Faktor

 

Gelbkreuz
Grünkreuz
Tabun
Soman
Sarin
VX

1
1
x 100
x 4
x 2
x 10

Senfgas
Phosgen
100 x so toxisch wie Gelbkreuz
400 x so toxisch wie Gelbkreuz
800 x so toxisch wie Gelbkreuz
8000 x so toxisch wie Gelbkreuz

 

Die damaligen Erkenntnisse von Neurophysiologen und Biochemikern über die sich im submikroskopischen, molekularen Bereich des menschlichen Körpers abspielenden Stoffwechselprozesse und Steuerungsfunktionen bildeten die Grundlage für die Entwicklung dieses Kampfstoffes.

Die genaue Wirkungsweise dieses Nervengases wird in Prof. Dr. Hoimar von Ditfurths Buch "So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen", Knaur Verlag, 1988, Taschenbuch ISBN 3-426-03852- 8
auf den Seiten 72 ff. beschrieben.

 

In wenigen Sätzen zusammengefaßt:
bei den Nervengasen handelt es sich um Cholinesterase-Hemmer. Cholinesterase zerlegt chemisch die Transmittersubstanz Azetylcholin, das von den synaptischen Bläschen an der Verbindungsstelle zweier Nervenbahnen (synaptischer Spalt) ausgeschüttet wird, um einen Nervenimpuls an die nächste Nervenbahn weiterzuleiten.
Wird nun die Cholinesterase blockiert, kann das Azetylcholin im synaptischen Spalt nicht neutralisiert werden. Der Nervenreiz kann somit nicht abgestellt werden. Eine solche Situation ist mit der Lebensfähigkeit eines Organismus allenfalls für wenige Minuten vereinbar.
Berechnungen haben ergeben, daß 17 Tonnen des amerikanischen Nervengases VX genügen würden, um die ganze Fläche der alten Bundesländer mit einer hundert Meter dicken, absolut tödlichen Wolke zuzudecken.
Nervengase sind unsichtbar und geruchlos. Man braucht sie nicht versehentlich einzunehmen, nicht einmal einzuatmen. Es genügt ein kaum sichtbarer Tropfen auf der heilen Haut. Sie wird von dem tödlichen Stoff unmerklich durchdrungen, der Minuten später die charakteristischen Vergiftungserscheinungen auslöst: Schweißausbruch, Schwindel mit Erbrechen, Sehstörungen, gefolgt von unwillkürlichem Abgang von Stuhl und Urin, anschließend zunehmende Krämpfe der gesamten Körpermuskulatur mit daraus resultierender Erstickung. Wenn das Opfer Glück hat, ist alles nach wenigen Minuten vorbei.
Das als Gegenmittel bekannte Atropin, von dem im Kriegsfall jeder Soldat mit einer Einweg-Spritze ausgerüstet ist, bietet nur einen fragwürdigen Schutz, da es nicht die Hemmung des lebenswichtigen Enzyms (Cholinesterase) rückgängig macht, sondern nur die Transmittersubstanz Azetylcholin blockiert. Wenn die Atropin-Dosierung nicht exakt dem Ausmaß der Vergiftung entspricht, kommt es durch die Injektion zu zusätzlichen Vergiftungserscheinungen.
Wirklichen Schutz bieten nur eine Gasmaske zusammen mit einem den ganzen Körper luftdicht einhüllenden Schutzanzug aus undurchdringlichem Gewebe.
Hinsichtlich der nicht mit diesem Schutz ausgestatteten Zivilbevölkerung rechnen Wehrexperten mit einer Überlebenschance von 2%.

Im Genfer Protokoll von 1925 war zwar die Anwendung von Giftgasen untersagt worden, nicht jedoch die Herstellung und Vorratshaltung zum Zwecke eines Vergeltungsschlages im Falle eines Gasangriffs der Gegenseite.

Auf der Muna (Burgwald) wurde gebrauchsfertiges Tabun hergestellt und gelagert.

Man mag sich selbst ausmalen, welches Potential der Vernichtung damit gegeben war, nicht nur für den Gegner, sondern auch für die eigene Bevölkerung rundum, stellt man sich mal einen Bombenvolltreffer in der Produktion oder im Lager vor.
Damals gab es noch nicht die 2-Komponenten-Nervengas-Munition, bei deren Herstellung zwei einzeln relativ ungefährliche Grundsubstanzen in Gasgranaten resp. -bomben geladen werden, getrennt durch eine Wand aus Glas oder Keramik.
Das Nervengas entsteht erst durch Mischung der beiden Komponenten beim Abschuß der Granate, weil durch die enorme Beschleunigung diese Wand zerbricht und durch den Drall des Geschosses die Grundsubstanzen fast blitzartig miteinander vermischt werden und sich chemisch verbinden.

Bei der Zusammenstellung dieses Berichtes erzählte mir Herr Paul Werner aus Münchhausen, er wisse von Herrn xxxxxxx (verstorben, ebenfalls Münchhausen), daß in den Labors und Fabrikationsräumen Mäuse gehalten wurden, als Indikator für eine eventuelle Belastung der Raumluft mit Nervengas.
Herr xxxxxxx arbeitete während des Krieges auf der Muna.

Wie oben schon angesprochen, hat offensichtlich nur das Wissen um das Vorhandensein einer ähnlich großen Menge an gleichen Massenvernichtungsmitteln auf der Gegenseite die Reichsführung davon abgehalten, diese schreckliche Waffe damals einzusetzen.

 

 

 

 


 

 

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