Einschlag einer " V1" bei Neuludwigsdorf

Ungewöhnliches Brummen, dann ein Schlag

 

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans   


Bromskirchen-Neuludwigsdorf Anfang März 1945. Der Zweite Weltkrieg neigt sich fürs Frankenberger Land dem Ende zu. Amerikanische Truppen hatten am 7.März bei Remagen den Rhein überschritten, am 29.März sollten Frankenberg und Bromskirchen eingenommen werden.
Doch davon wusste Gustav Wind damals noch nichts. Er saß als Jugendlicher morgens in der Schule in Bromskirchen, als von draußen ein brummendes Geräusch zu vernehmen war. Schnell wurde es lauter, plötzlich gab es einen gewaltigen Schlag. Dann herrschte Totenstille.


Bromskirchen-Neuludwigsdorf
Bromskirchen-Neuludwigsdorf


Was war geschehen?
Gustav Wind hatte bis dahin im Krieg schon einiges mitbekommen. Er erinnert sich: Als die deutsche Wehrmacht Anfang Januar in den Ardennen ihre Großoffensive gestartet habe, hätten in Bromskirchen die Scheiben vibriert. Zur Tagesordnung gehörten auch ständige Überflüge von Bombern und Jägern - meist waren es Alliierte. Hermann Görings Luftwaffe hatte längst nichts mehr zu melden. Die Einwohner am Boden hatten sich mit den Gefahren aus der Luft abgefunden.


Zeitzeugen
Zeitzeugen blättern in alten Unterlagen: die Bromskirchener  Gustav und Helmut Wind. Gustav hat als Schüler mit bekommen, wie die verirrte V1 Anfang  März 1945 übers Dorf geflogen und bei Neuludwigsdorf eingeschlagen ist.


Doch ein solches Brummen wie an diesem Morgen war bis dahin in diesem Gebiet noch nicht zu hören gewesen. Sollte dies eine von den neuen geheimen "Wunderwaffen" sein, von denen die Propaganda täglich berichtete? Fast jeden Tag war von Raketen auf London die Rede, auch Antwerpen sollte nun unter täglichem Beschuss liegen - im dortigen Hafen wurde der Nachschub für die alliierten Truppen gelöscht.
Schnell hatte es sich herumgesprochen: Am Scharfenstein nahe der "Pfütze" - wie Neuludwigsdorf in der hiesigen Gegend genannt wird - war eine jener sonderbaren Brummbomben abgestürzt - ein Marschflugkörper, genannt "Vergeltungswaffe 1".

Die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg - Ederbergland hat die Geschehnisse versucht zu rekonstruieren.


V1-Kurs London
Als sich das Kriegsglück für die deutsche Wehrmacht wendete, bot Propagandaminister Josef Goebbels immer neue Geschichten über "Wunderwaffen" auf, die die Alliierten das Fürchten lehren sollten. Auch die gleichgeschalteten Medien spannte er dafür ein. Berichte über die einst geheim gehaltenen Marschflugkörper und Raketen (V1 und V2) sollten den  Glauben an den "Endsieg"  der Deutschen stärken, obwohl der Krieg für sie längst verloren war.  


Ergebnisse:
Von Ende Februar bis Mitte März 1945 lagen die "V1"-Schießeinheiten des Kommandos von Oberst Wachtel bei Siegburg. Von dort haben sie vermutlich die V1 abgeschossen. Offenbar führte eine Fehlfunktion des Kurskreisels zum Abschwenken aus der Flugbahn - der Marschflugkörper flog statt nach Westen einen Bogen, der am Scharfenstein bei Neuludwigsdorf mit dem Einschlag endete.
Zu gern wären die Jugendlichen aus Bromskirchen an die Aufschlagstelle geeilt, aber die lag gut 4 km entfernt im Wald nördlich von Neuludwigsdorf. Das Gebiet wurde sofort abgesperrt. Wenige Tage später war es dann soweit:  Die Jungen machten sich auf den Weg zum Scharfenstein. Doch dort war außer einer 200 m langen Schneise in einem etwa 60 Jahre alten Tannenbestand und einem kleinen Erdwall nichts mehr zu sehen. Alle Reste der "V1" waren abtransportiert. Allerdings waren sie lediglich hinter dem Dreschschupppen in Neuludwigsdorf zwischengelagert, so dass sie doch nicht ganz aus der Welt waren. In den ersten Tagen machte sich reges Interesse um die Überreste bemerkbar, jeder wollte sie in Augenschein nehmen.


V2 im Bahnhof von Bromskirchen
Sensationeller Fund am Bromskirchener Bahnhof: Am 29.März erbeuten die amerikanischen Truppen erstmals vollständige "V2"- Raketen.


Doch dann überschlugen sich die Ereignisse:  Bei ihrem Einmarsch erbeuteten die Amerikaner am Bromskirchener Bahnhof  ihre ersten "V2"- Raketen. Der Fund machte international Furore. Und für die Einwohner des Frankenberger Landes galt es, sich an die neue Militärregierung zu gewöhnen. Die Reste der "V1" gerieten in Vergessenheit


Raketenreste zum Polterabend

Erst 1947 tauchten sie wieder auf, als der Polterabend der Eltern von Werner Steuber anstand - er betreibt heute die Gastwirtschaft in Neuludwigsdorf.  Glas war in dieser Zeit viel zu kostbar, um es zu zerdeppern, wie es üblich ist.
Mit einem Pferdegespann hatten Einwohner daher die Raketenreste auf den Hof der Steubers geschleppt und dort abgeladen, wo sonst eigentlich die Glassscherben landen.
Die Steubers haben die Reste später an den alten Deponierungsplatz gebracht, wo sie von einem Schrotthändler Anfang der Fünfzigerjahre abtransportiert wurden.
Mit dem Battenfelder Heimatforscher Reiner Gasse befand sich die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg Ederbergland auf Spurensuche. Werner Steuber war ihr erster Ansprechpartner. Er konnte sich noch gut an die Geschichte von der niedergegangenen Rakete erinnern, die für viele ältere Einwohner doch ein Stück ihrer Geschichte ist. Ebenso dazu gehört eine Bombenserie, die in der Gemarkung Bocksbach niederging.


Fahrzeuge stehen gelassen

In einem so kleinen Dorf lebten damals alle von der Landwirtschaft, da waren solche Ereignisse schon eine kleine Sensation. Glücklicherweise blieb die "Pfütze" von größeren Kriegshandlungen verschont.
Kurz vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen waren Angehörige der "V1"-Schiesseinheiten mit Fahrzeugen und Gerät bis in den Elbrighäuser Grund gefahren. Dort ließen sie alles stehen und zogen sich über die Berge ins Sauerland zurück.
Noch1980 lagen am Bach neben dem ehemaligen Forsthaus verrostete Kriegsgerätschaften. Die Fahrzeuge wurden später zum Sammelplatz hinter dem Dodenauer Bahnhof geschleppt.
Waffen und Kleingeräte haben noch über Jahrzehnte im Wald gelegen, selbst heute tauchen immer wieder Gegenstände auf, die den Einsatz des Kampfmittelräumdienstes nach sich ziehen.
Die Absturzstelle der "V1" ist derzeit übrigens nicht zugänglich: Orkan "Kyrill" hat den Wald dort vernichtet.


V1 auf Abschußrampe
Eine V1 liegt auf der Startrampe bereit.


Marschflugkörper "V 1"

Der erste verwendungsfähige Marschflugkörper der Welt ist die "Vergeltungswaffe 1". Die Herstellerfirma Fieseler nannte sie "Fi 103". Außerdem trug sie den Tarnnamen "Flakzielgerät FZG76". Damit wollten die Deutschen die Alliierten täuschen, was bis 1943 auch gelang.

Doch dann entdeckte eine Bildauswerterin der Royal Air Force (RAF) zufällig einige der Raketen auf einem Luftbild, das über Peenemünde entstanden war. Am 16. und 17.August 1943 zog dies einen gewaltigen Luftschlag der RAF nach sich, da sich das Alliierten-Hauptquartier über die Gefahren der "Wunderwaffe" im Klaren war.
Nach der Landung der Alliierten in der Normandie begann Mitte Juni 1944 aber doch die Beschießung Londons von der französischen Kanalküste aus mit der "V1". Sie transportierte 850 Kilogramm Sprengstoff bei einem Gesamtgewicht von 2180 Kilogramm. Mit 670 Stundenkilometern flog der Marschflugkörper seinem Ziel entgegen.
Insgesamt wurden an die 30 329 Exemplare zu einem Stückpreis von 5 060 Reichsmark hergestellt. 8839 "V1" wurden auf London verschossen.

11 988 Geschosse zielten auf Antwerpen und Lüttich. Den größten Anteil bauten Zwangsarbeiter im unterirdischen Stollen des " Mittelbaus Dora" im Harz bei Nordhausen. Auch VW in Wolfsburg hatte eine Produktionsstraße.


V1 auf dem Weg zur Startrampe
Mit Muskelkraft wir eine V1 zu ihrer Startrampe gerollt.


V1 im Mittelbau-Dora
Produktionsstraße der V1 Raketen im Mittelbau-Dora bei Nordhausen im Harz. Hier waren überwiegend KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter beschäftigt.


V1 Rakete bei Startvorbereitungen
Eine V1 wird von der Mannschaft für den Start vorbereitet.




Siehe auch:  Die V2-Raketen im Burgwald





 

 

944900