Das Ende der Mosquito FB.Mk.VI SZ 963 von Wing Commander Victor Rundle Oats.

Von Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans


März 1945. Für Deutschland zeichnete sich in diesem zweiten Weltkrieg eine Niederlage ab, die mit der von 1918 nicht zu vergleichen war. In diesem Krieg fand das Kampfgeschehen nicht im Ausland statt, sondern die deutsche Bevölkerung war unmittelbar in die Kampfhandlungen miteinbezogen. Hitler, im vollen Wissen über die bevorstehende Niederlage, ließ die Wehrmacht bis zuletzt weiterkämpfen. Millionen von Soldaten hatten in diesem Krieg bis zu diesem Tag ihre Gesundheit und ihr Leben geopfert. Doch nun, da sich für das Naziregime das Ende abzeichnete, wurden die Durchhalteparolen noch lauter und der totale Krieg, den Göbbels im Berliner Sportpalast propagiert hatte, war Wirklichkeit geworden. Noch härter und noch radikaler, als man ihn sich überhaupt vorstellen kann! Das waren seine Worte 1943 gewesen.
Auch im Kreis Frankenberg bekam die Bevölkerung dies zu spüren. Am Tage beherrschten die Jabos (Jagdbomber) der 8. und 9. Luftflotte der U.S. Air Force den Himmel über Deutschland, und in der Nacht kamen die Bomber des Bombercommands und Nachtjäger der 2. Englischen Taktischen Luftflotte.  Die De Havilland Mosquito.


  • D.H. Mosquito
  • D.H. Mosquito FB.Mk.VI


Für die schnelle und wendige zweimotorige Mosquito, die einzeln einflogen, prägte sich damals der Name Eiserner Heinrich in das Gedächtnis der Bevölkerung ein. Eine solche Maschine hatte einen gewissen Sektor zu überwachen. Sahen die Besatzungen Licht oder Feuer, griffen sie mit Bordwaffen und Bomben das Ziel an. So wurde auch zum Beispiel Battenfeld Ziel eines solchen Angriffs.  Hauptaufgabe war zum damaligen Zeitpunkt jedoch die Bekämpfung der Abschußrampen deutscher V-Waffen. Immer wieder schlugen im Raum Remagen und Antwerpen solche Raketen ein und forderten unter der Bevölkerung erhebliche Verluste. Viele ältere Menschen, die diese Zeit durchlebt haben, können sich noch an das Brummen der V-1 und V-2 erinnern, wenn diese über dem Gebiet Sackpfeife aufstiegen.
Die leistungsfähigen Mosquitos waren mit vier 7,7 mm Maschinengewehren und vier 20 mm Maschinenkanonen bestückt; außerdem konnte jede Maschine vier 227-kg Bomben tragen. Ein leistungsfähiges Bordradargerät führte die Besatzungen auch an die in ihrem Bereich operierenden Nachtjäger der Deutschen Luftwaffe heran. Jeder vierte Nachtjäger wurde Opfer einer Mosquito.


  • D.H. Mosquito
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Die Ereignisse am 12. und 13. März 1945.
Am Abend des 12. März 1945 starteten Wing Commander (Geschwaderkommandeur im Rang eines Oberstleutnants) Oats und sein Navigator Flight-Sergeant Frederic Charles Gubbings von Rosière-en-Santerre in Frankreich (südöstlich von Amiens) zu einem solchen Überwachungsflug. Sie hatten das Gebiet Marburg, Dillenburg, Winterberg und Kassel zu überwachen. Ihre Einheit, die zur 21. Fighter Squadron gehörte, wurde zu diesem Zeitpunkt von Wing Commander Kleboe befehligt. Kleboe fiel beim Angriff auf das Gestapo-Hauptquartier (Shell-Haus) in Kopenhagen am 21.März 1945. Er war einer der am höchsten dekorierten Engländer im 2. Weltkrieg. Wing Commander Oats hätte normalerweise seine Nachfolge angetreten.
Oats bemerkte gegen 22.00 Uhr im Bereich des Frankenberger Bahnhofs ein Feuer, in dessen Widerschein sich Personen bewegten.
Um die Mittagszeit war Frankenberg von amerikanischen B-26 Marauder Bombern der 391. und 409. Bombergroup angegriffen worden. Der Angriff erfolgte durch eine geschlossene Wolkendecke und wurde im Bodenradarverfahren geführt. Von den 500 abgeworfenen Bomben traf aber nur ein Drittel, der Rest ging südlicher nieder, fast bis zur Verbindungsstraße Bottendorf - Burgwaldkaserne. Der Bahnverkehr wurde nur einen Tag gestört und der Durchgangsverkehr im Bahnhofsbereich floß schon am nächsten Tag wieder reibungslos.
Dies war den alliierten Aufklärern nicht verborgen geblieben, und so flogen die amerikanische 323. und 387. Bombergroup am 17.März einen erneuten Angriff mit der gleichen Menge der Bomben wie beim ersten. Auch diesmal war die Wolkendecke geschlossen, doch lag diesmal der Bombenteppich nördlicher, bis hin zum heutigen Standort des Kreiskrankenhauses.

Zurück zum 12. März:
Die Bordwaffen der Mosquito zwangen die Löschmannschaften in Deckung, und Geschosse trafen das Bahnbetriebsgebäude, das zu brennen begann. In dem Moment, als sich die Mosquito über dem Gebäude befand, schlugen Flammen aus dem Rumpf der Maschine. Diese Aussage wurde von mehreren Zeitzeugen gemacht. Im Bahnhofsbereich war ein leichtes Flakgeschütz stationiert, das für den Beschuß verantwortlich war. Die Mosquito flog mit laut heulenden Motoren in Richtung Bottendorf. Welches Drama sich in der Maschine abgespielt hat, kann man nur erahnen. Wing Commander Oats überflog Bottendorf in Richtung Willersdorf, wo er eine 180-Grad-Kurve flog. Wenige Momente später, über dem Linnerberg, muß etwas an der Steuerung gerissen sein, oder Oats ist über die Steuersäule gesunken. Die Mosquito bohrte sich fast senkrecht aus mehreren hundert Metern Höhe kommend in die Erde des Linnerbergs. Die Propellerblätter wurden von einigen Anwohnern später fünfhundert Meter von der Absturzstelle entfernt gefunden.
So endete das Leben von Oats und Gubbings. Oats wurde 29 und Gubbings 23 Jahre alt. Wenige Tage später erhielt Elisabeth Jane Oats die Nachricht, daß ihr Mann gefallen sei. Oats lebte mit seiner Frau in der Grafschaft Surrey.


  • Victor Rundle Oats
  • Elisabeth Jane Oats


In den Morgenstunden des 13. März begannen Anwohner aus Bottendorf und Willersdorf, die sterblichen Überreste der beiden Flieger zu bergen. Von Gubbings wurde der Rumpf ohne Kopf aus den Wrackteilen gezogen. In seiner Uniform fand sich sein Ausweis, ein Bild seiner Verlobten und einige ihrer Briefe. Von Oats lag nur der Kopf auf dem Acker. Ihn hielt die Bevölkerung fälschlicherweise für den Kopf einer Frau. Schnell machte das Gerücht die Runde, daß sich auch Agenten an Bord befunden haben sollen. Oats hatte für einen Soldaten sehr lange, blonde Haare, das mag diese Vermutung bestärkt haben, aber wahrscheinlich lag nur der letzte Friseurbesuch etwas länger zurück. Ein führender Parteiangehöriger nahm den Kopf auf und stellte ihn auf ein unbeschädigtes Teil des Rumpfes. Dazu verlautbarte er dann ein paar markige Sprüche. Die Überreste der beiden Flieger wurden in eine Holzkiste gelegt und 200 Meter vom Absturzort entfernt unter einer einzelstehenden Eiche bestattet.
Die Ausweispapiere, die gefunden wurden, nahmen Luftwaffensoldaten der Muna Luft mit nach Frankenberg. Die schweren MGs wurden von Ingenieuren der Firma Fieseler mit in das Flugzeugwerk nach Schreufa genommen. Dies alles spielte sich in den Morgenstunden des 13.März ab.
Da ab 10.00 Uhr der Himmel wieder den Amerikanern gehörte, beeilte man sich, daß alle Personen wieder vom Linnerberg verschwanden. Den Rumpf der Maschine räumten der Grundstückseigentümer und einige Bottendorfer von der Absturzstelle fort. Das meiste war in der Nacht allerdings verbrannt. Alles, was zum Auffüllen der Motorkrater dienlich war, wurde hineingeworfen, dazu zählten auch die verbrannten Schuhreste und Fallschirme. Alles das tauchte fünfzig Jahre später bei der Motorbergung des linken Rolls-Royce Triebwerks wieder auf.

Im Jahre 1945 oder 46, das genaue Datum war nicht mehr zu ermitteln, nahm ein englisches Exhumierungskommando die Ausgrabung der Überreste von Oats und Gubbings vor. Kurz nach Kriegsende waren alle Bürgermeisterstellen in Deutschland aufgefordert worden, sämtliche Grablagen von alliierten Fliegern zu melden. Wurde dem nicht Folge geleistet, drohten den Bürgermeistern längere Haftstrafen.
Der englische Bergungsbericht sagt nur aus, daß sehr wenig gefunden wurde und keine Unterscheidung der beiden Flieger mehr möglich war. Beide wurden auf dem englischen Soldatenfriedhof in Hannover bestattet.

Im Jahr 1963 fand Heinrich Döls aus Bottendorf die Uhr von Oats, als er beim Kartoffellesen half. Da niemand mit dem Fund etwas anfangen konnte, übergab Herr Döls die Uhr an Herrn Dr.Gustav Hammann, den Bottendorfer Pfarrer und leidenschaftlichen Heimatforscher. Dr. Hammann, den die Sache brennend interessierte, ließ nicht locker und machte die Angehörigen von Oats ausfindig.


  • Taschenuhr
  • Taschenuhr


Wenige Wochen später hielten diese die Uhr von Oats in Händen.  Die Adresse von Oats´ Verwandten erhielt Dr.Gustav Hammann seinerzeit über Prof. Leo Liepmann (Oxford) und dessen Frau Elisabeth, geb.Naumann, Tante des Kantors Martin Naumann in Frankenberg.  1970 besuchte der Bruder des getöteten Wing Commanders Bottendorf und gedachte der Toten auf dem Linnerberg. Herr Oats mußte sich die Reise schwer erkämpfen, da er an Krücken ging und selbst schwer kriegsbeschädigt war. Herr Dr. Hammann hat hier die versöhnende Hand ausgestreckt, genauso, wie er 1945 eine mitteldeutsche Stadt vor der Vernichtung rettete, indem er als junger Leutnant den Amerikanern mit weißer Flagge entgegenging.
Beim Besuch des Bruders wurden sehr viele Fotos geschossen.  Nach einem Aufruf meldete sich Dr. Christian Hammann, der Sohn von Dr. Gustav Hammann, der uns zu seiner Mutter verwies, die noch Unterlagen ihres Mannes besaß, und die sie uns freundlicherweise in Kopie zur Verfügung stellte.
Wir zeigen hier einige Fotos davon und bedanken uns bei beiden noch einmal sehr herzlich!  


  • Victor Rundle Oats
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  • Victor Rundle Oats


Im Jahr 1969 hörte ich zum ersten Mal von diesem Absturz. Damals ahnte ich nicht, daß diese beiden Flieger einmal in so großem Maße mein Interesse am Luftkriegsgeschehen im Landkreis Waldeck-Frankenberg wecken sollten.
1985 bekam ich weitere Informationen von einem Bottendorfer Arbeitskollegen. Dieser hatte als Jugendlicher den Absturz vor Ort miterlebt. Im Juli 1985 fuhr ich mit meiner Frau auf den Linnerberg, um mich dort einmal umzuschauen. Wir waren sichtlich enttäuscht, da von dem damaligen Geschehen nichts mehr zu sehen war, was an das Ereignis erinnerte. Von anderen Absturzstellen wußte ich, daß ein solcher Crash nicht ganz zu räumen war. Aber niemand konnte mir den Punkt des Einschlags genau zeigen. Auch hatte das Grundstück seinen Besitzer gewechselt und Willi Plett war bei der Erwerbung nicht darüber informiert worden, daß sich bei Kriegsende auf diesem Grundstück ein Flugzeugabsturz ereignet hatte. Herr Plett wunderte sich nur, daß auf seinem Acker so viele Stahlkerne herumlagen. Einen dieser Stahlkerne hatte er jahrelang in der Werkzeugkiste seines Schleppers liegen.
Im Herbst 1994 nahm ich erneut die Suche nach der Absturzstelle auf, nachdem ich von zwei Kollegen aus Ebsdorf neue Informationen bekommen hatte. Mehrere Stunden suchten wir mit Metalldetektoren auf dem Linnerberg. Teile, die wir fanden, glaubten wir dem Flugzeug zuschreiben zu können. Leider stellte sich heraus, daß es ausnahmslos Schlepperteile waren. Wir hatten, wie sich später herausstellte, 400 Meter entfernt von der Absturzstelle gesucht. So schnell, wie die Euphorie entstanden war, verschwand sie wieder. Meine Frau ermunterte mich dann einige Wochen später, noch einmal auf dem Linnerberg zu suchen.

Die Ausgrabungen
An einem Sonntag im Oktober 1994 wurde ich durch Zufall auf dem Nachbargrundstück von Herrn Plett fündig. Ein Stück Plastikrohr zeigte den Weg in die richtige Richtung. Herr Plett hatte seinen Acker mittlerweile eingesät und so war von der Bodenverfärbung nichts mehr zu sehen. Auf dieser Wiese ortete ich ein großes Metallteil. Nun galt es, den Besitzer der Wiese ausfindig zu machen. Hier war mir Herr Horst Röse aus Bottendorf behilflich. Nachdem ich Herrn Plett die Sachlage geschildert hatte, fuhren wir zusammen zu der Wiese, um das Metallteil zu bergen. Die überraschung war sehr groß, als der Vergaser des Rolls-Royce-Merlin Motors zu Tage kam...
Andere Motorteile kamen dazu. Einige Tage später kam das Ende des Motors zum Vorschein. Herr Röse, der einen 90 PS-Schlepper mitgebracht hatte, versuchte mit diesem, den Motor aus dem Boden zu ziehen. Doch der saß fest im Erdreich. So wurde die Grube wieder geschlossen und wir machten einen Termin aus für eine spätere Bergung.
Zwischenzeitlich war durch die örtliche Presse von dem Ereignis berichtet worden und viele Zeitzeugen konnten am Tag der Bergung noch von diesem Ereignis berichten.
Die Bergung erfolgte dann im November 1994 in Zusammenarbeit mit den Kollegen Mirko Mank und Dirk Sohl. Ein besonderer Dank gebührt hier Herrn Willi Plett und Herrn Wilhelm Ernst, die bei beiden Motorbergungen sehr behilflich waren, und die eine Bergung erst ermöglichten. Herr Plett lagerte sogar den ersten Motor ein halbes Jahr in seiner Garage, bis ich in die nötigen Lagermöglichkeiten geschaffen hatte.
Der zweite Motor wurde genau ein Jahr später ausgegraben.
Herr Karl-Hermann Völker, Vorsitzender des Frankenberger Geschichtsvereins, berichtete von beiden Ereignissen in der Presse. Dafür möchte ich mich hier noch einmal bedanken.


  • Mosquito FB.Mk.VI
  • Rolls Royce Merlin Motor

Die Ausgrabung des 2.Motors zog sich über vier Tage hin, da er tiefer in das Erdreich eingedrungen war, dafür aber in einem Kiesbett steckte. Hier dürfte die Reinigung noch interessanter sein, da dieser Motor besser erhalten ist.
Ein großes Problem machte die große Menge an Munition, die zu Tage kam. Die Firma Tauber aus Kassel war viermal vor Ort, um diese abzuholen. Der Stahlkern, der in der Kiste von Herrn Pletts Schlepper lag, entpuppte sich als 20 mm Sprenggranate. Da Herr Plett solche Munition nie zu Gesicht bekommen hatte, vermutete er ein verlorengegangenes Teil von einem landwirtschaftlichen Gerät. Auch diese Granate wurde von der Firma Tauber entsorgt. Bei der Bergung kamen durch Zeitzeugen andere munitionsverseuchte Stellen zur Sprache, so daß die Arbeit der Kampfmittelräumer nicht abriß.
Vier Jahre dauerte es, um den ersten Motor zu reinigen, um ihn der öffentlichkeit präsentieren zu können.




 

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